Auszüge und Textstellen aus "Der Wind der Freiheit"

Textstelle 1 (Seite 9f) :
Er hatte ihre Streichholzschachtel noch in der Hand. Er holte ein weiteres Zündholz aus der Schachtel und zündete es geschickt an, mit der zweiten Hand erneut die Flamme vor dem Luftzug schützend. Im flackernden Schein der Flamme konnten sie ihre Gesichter gut wahrnehmen. Sie bemerkte erst jetzt, welch buschige Augenbrauen er hatte, eng gegen die Stirnmitte gerückt, im leichten Bogen auswärts geschwungen. Sein Gesicht war kantig und gefühlvoll zugleich. Seine Augen, nun im Schein des Flämmchens schwarz glänzend, hatten etwas Träumerisches an sich, müßten aber wohl, so dachte sie, auch kalt und unbarmherzig sein können.
"Wie heißt du ?", fragte sie.
"Bela."
"Bela, der blinde König", ätzte sie.
Bela blieb einen Augenblick den Gegenschlag schuldig. Das Streichholz verlosch, er mußte ein neues anzünden. Dadurch gewann er Zeit. Im Schein der neu aufzischenden Flamme sah er ihr schwarzes Haar im Fahrtwind um ihr Gesicht flattern. Ihre Lippen waren trotzig aufgeworfen, ihre Backenknochen, hoch über den Mundwinkeln stehend, traten markant hervor.
"Nicht so blind wie du denkst", antwortete er. "Und wie heißt Du ?"
"Anna-Katalina."
"Anna-Katalina, die ruchlose Kaiserin", ätzte er zurück.
"Anna-Katalina, die stolze Ungarin", verbesserte sie.
Er sah ihren tadelnden Gesichtsausdruck nicht mehr, denn das Streichholz verlosch abermals, und die beiden waren erneut von Dunkelheit getrennt. Er hätte wahrscheinlich die ganze Packung Streichhölzer aufgebraucht, wenn es nicht allmählich heller geworden und der Zug alsbald aus dem Tunnel herausgefahren wäre.
Schlagartig tauchten sie wieder in eine andere Welt. Vor ihnen die Felder der ungarischen Tiefebene, im Waggoninneren die Hitze des Sommers und überall die Gnadenlosigkeit des ungarischen Alltags. Anna-Katalina schaffte es jedoch nicht, so schnell wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren.
"Seltsam", sagte sie, "daß Ungarn ihre Namen nur in der Dunkelheit auszusprechen wagen."
Textstelle 2 (Seite 127ff) :
Janos Kandar stand gedankenverloren am Fenster seines Büros im ungarischen Parlament und betrachtete die Donau unter sich. Sein Gast war gegangen, das Bild der schweigenden Masse ging ihm nicht aus dem Kopf.
"Wer nicht gegen uns ist, ist für uns.", murmelt er den von ihm erfundenen Werbeslogan der ungarischen Diktatur. "Dem Rest werden wir auch noch Herr werden."
Er läutete nach seinem Sekretär, einem Vorbild an Unterwürfigkeit und grauer untertäniger Einheitskleidung.
"Genosse Vorsitzender wünscht ?", fragte der Sekretär. Auch seine Sätze waren eine monotone, sich stets wiederholende Einheitssprache.
"Dienstfahrt", sagte Kadar, ohne aufzublicken. Er wußte, daß der Sekretär alles weitere veranlassen würde. Sein gepanzertes Sicherheitsauto samt Chauffeur würden in der Garage des Parlaments augenblicklich bereitstehen. Als der Sekretär pflichtbewußt aus dem Zimmer eilte, hatte Kadar die Vision, eine Puppe vor sich gehabt zu haben, die immer gleiche Handlungen setzte, immer gleiche Worte sprach.
"Jawohl, Genosse Vorsitzender."
"Danke, Genosse Vorsitzender."
"Sofort, Genosse Vorsitzender."
Wenn sie alle Puppen wären, überlegte Kadar, könnten sie im Gleichschritt marschieren und wären leichter zu kontrollieren. Wiederum von Puppen natürlich. Der Gedanke an den Puppenstaat belustigte ihn, und er stellte sich auch seinen Chauffeur als Puppe vor, nachdem er im Fond des schweren schwarzen Wagens Platz genommen hatte.
"Klack, klack, klack", hatten die hölzernen Füße der Chauffeur-Puppe auf dem Beton der Garage gehallt, als sie aus dem Wagen gesprungen war und dem Staatschef die Tür aufgerissen hatte. Das Gesicht war infolge seiner tiefen Verbeugung zu Boden gesenkt, daher für Kadar nicht sichtbar gewesen. Es war jedoch nicht wichtig, es zu sehen, weil die Gesichter seiner untertänigen Puppen ohnehin alle gleich waren.
"Zum Staatsgefängnis", gab er seine Weisung aus, und er brauchte erst gar nicht nach vor zu schauen, weil er die Reaktion der Chauffeur-Puppe ohnehin kannte. Sie würde nicken und immer die gleichen Sätze sagen.
"Jawohl, Genosse Vorsitzender."
"Danke, Genosse Vorsitzender."
"Sofort, Genosse Vorsitzender."
Das Gedankengebäude über seinen Puppenstaat versetzten Kadar in gute Laune, und er schob den Vorhang vor dem Wagenfenster etwas zurück, um sich an seinen Puppen in den Straßen Budapests zu ergötzen. Ja, Puppen sind sie alle, dachte er verächtlich. Puppen mit Holzköpfen und hölzernen Füßen. Und wer nicht im Gleichschritt geht, wird ausgesondert und in den Ofen geworfen. So einfach ist es, seine Untertanen unter Kontrolle zu halten. Ha, ha, ha.
Andererseits hatte der Puppenstaat auch etwas Beunruhigendes, geradezu Beängstigendes an sich. Diese Puppen hier, die stumm und teilnahmslos am Straßenrand standen und den vorüberfahrenden Konvoi des Staatschefs mit Polizeieskorte beobachteten, oder andere, die sich langsam und unauffällig auf den Gehsteigen bewegten, starrten mit hohlen Augen ziellos in die Ferne, den Körper vornübergebeugt, die Arme unter den grauen Anzügen oder Kleidern herabhängend. Die gute Laune Kadars wich einem beklemmenden Gefühl. Hatte er sich eine Nation scheintoter Puppen untertan gemacht ?
Der Staatswagen kam trotz der Polizeieskorte im dichten Nachmittagsverkehr Budapests nur langsam voran und mußte hinter einer Straßenbahn abrupt halten. Obwohl die Sirenen aufheulten, obwohl die Polizeilichter blaue Wellen in die Schatten der grellen Sonnenstrahlen warfen, war die Menge vor ihm unbeeindruckt. Die Puppen waren außer Kontrolle geraten.
"Klack, klack, klack", dröhnten ihre hölzernen Füße auf dem Asphalt, als sie zur Straßenbahn wackelten.
"Klack, klack, klack", als andere Puppen von den Trittbrettern sprangen und mit starrem Ausdruck zum Gehsteig schlürften.
Die Chauffeurpuppe vor Kadar verharrte regungslos im Fahrersitz, so als würde sie auf den Befehl warten, loszufahren und die Puppen in der Haltestelle über den Haufen zu fahren. Kadar schwieg und starrte schreckensbleich auf das Chaos, das die Puppen vor ihm anrichteten.
Da passierte es.
Textstelle 3 (Seite 288) :
Die Massen wählen ihre Führer und Diktatoren, die den Geist des Verbrechens erzeugen. Aber nicht die Führer und die Diktatoren begehen die Verbrechen wider die Moral und die Menschenwürde, sondern die Massen selbst.
Es wird natürlich kaum einer behaupten, daß wir unseren Führer und Diktator selbst ausgewählt haben. Aber die Essenz dieser Weisheit trifft auf unsere Totalitärherrschaft ebenso zu wie auf alle anderen Diktaturen.
Wer sind nun diese Massen, die sich im Mantel der verbrecherischen Moral ihrer Führer verbergen und in seinem Schutz ohne jegliche Spur von Gewissenstreue zu jedem Verbrechen bereit sind.
Sind es abgestumpfte Barbaren aus der tiefsten Wildnis, die, ohne etwas zu hinterfragen, zu jeder Gewalttat bereit sind ?
Sind es rückständige Völker, die wie Hornissenschwärme über andere Rassen herfallen, um sich an deren Gut zu bereichern ?
